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Hier können Ihre neuen andere Texte stehen – Gedanken, Erinnerungen, interessante Informationen, Witze und Rätsel, Fotos, Bemerkungen zu Ereignissen und Zuständen …..

Schicken Sie mir einfach Ihr Manuskript, wir veröffentlichen es hier an dieser Stelle gerne.

Die „alten“ Geschichten finden Sie übrigens unter unserer Seite „Rückblick“.

Zunächst kommen – wie versprochen – die Erinnerungen von Frau Reuter, von denen der weihnachtliche Teil schon veröffentlicht wurde.

                                               Kindheitserinnerungen

Dieses Jahr erinnern wir an den Beginn des Ersten Weltkrieges am 28. Juli 1914,  und gleichzeitig liegt das Ende des Zweiten Weltkrieges fast 70 Jahre zurück.

Ich bin im Februar 1938 geboren – ich war am Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945 bereits 7 Jahre alt, d.h. ich kann mich bewußt gut an viele Dinge erinnern, die mich sehr geprägt haben.

Während meiner Volksschulzeit in Gonzenheim wurde der Unterricht ständig unterbrochen, weil Fliegeralarm uns gezwungen hat, sofort nach Hause zu rennen und den nahe gelegenen Keller aufzusuchen, in die wir auch Mitschüler, die weiter weg wohnten, natürlich mitgenom-men hatten.

Aus Sicherheitsgründen sind meine Mutter, mein 1 1/2 Jahre jüngerer Bruder und ich in unseren Keller umgezogen, in dem auch gekocht und geschlafen wurde. Zur damaligen Zeit waren auf dem Land die Toiletten oft noch nicht im Haus, sondern mußten außerhalb aufge-sucht werden. Durch die bei Fliegeralarm aufkommende Angst und den damit verbundenen Durchfall war dies natürlich zu gefährlich. Wir mußten die im Keller aufgestellten Toiletten-eimer benutzen. Die über den Häusern stehenden „Christbäume“ ängstigten uns zusätzlich.

Meine Schwester wurde Ende November 1943 zu Hause geboren und einige Tage später wegen Fliegeralarms in Kissen und Decken gehüllt mit in den Keller getragen.

Als Soldaten von der Ostfront während der Verlegung Richtung Westen in Siegen Station machten, hat meine Mutter sich mit meinem Bruder und mir auf den Weg dorthin gemacht-wie weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß es sehr kalt war und uns eine Frau aus einem Fenster heraus mit einer Kelle Wasser zum Trinken gereicht hat,  und wir in einem winzig kleinen Zimmer übernachtet haben.

Da meine Schwester am 29. November 1943 zur Welt kam, nehme ich an, daß unser Treffen mit unserem Vater in Siegen etwa im Februar 1943 gewesen sein muß. Doch eine bewußte Erinnerung von damals an meinen Vater habe ich nicht, denn ich war erst 4 Jahre alt. Erst mit fast 11 Jahren habe ich ihn kennengelernt – doch dazu komme ich später.

Berichten möchte ich noch vom 8. März 1945, den ich noch heute in bester Erinnerung habe. Meine Mutter hatte irgendwie eine sogenannte „Schuhsohle“ – eine süße Köstlichkeit! -organisiert, und während des Kaffeetrinkens wurden wir durch einen ungewöhnlich lauten „Donnerschlag“ aufgeschreckt. Innerhalb kurzer Zeit verbreitete sich in Gonzenheim wie ein Lauffeuer die Nachricht von der Bombardierung des Kurhauses. Eine noch stehende Außen-wand des linken Flügels, die später auch einstürzte, sehe ich noch genau vor mir.

Ein Erlebnis hat meine Kinderjahre tief erschüttert. Meine Schwester wurde mit knapp zwei Jahren in 1945 sehr krank, ohne daß eine genaue Diagnose möglich war. Es wurde irgend-wann von Mangelernährung gesprochen. Ich bin jedenfalls regelmäßig mit meiner Mutter und meiner Schwester im Kinderwagen, weil sie nicht mehr laufen konnte, zu unserem  Hausarzt, Herrn Dr. Lotz,  in der unteren Promenade, gelaufen, wo ihre auf dem Körper verteilten Geschwüre  aufgeschnitten wurden, um Eiter und Flüssigkeit ausfließen zu lassen. Und eines Tages sagte Herr Dr. Lotz meiner Mutter, daß meine Schwester diese Nacht nicht mehr überleben würde.  

Ich hatte mir doch so sehr ein Schwesterchen gewünscht und deshalb immer Zucker vors Fenster gelegt, und jetzt sollte sie mir wieder weggenommen werden!! Weinend haben wir den Kinderwagen mit meiner kranken Schwester nach Hause geschoben – ohne jede Hoffnung. Doch dank der aufopfernden Pflege meiner Mutter und einer guten Bekannten, die sich mit ihr die Nachtwachen teilte, hatte meine Schwester überlebt. Sie mußte wieder neu laufen lernen, ihre Milchzähne hatten keine Konsistenz mehr und konnten zwischen den Fingern zerrieben werden, auch ihre Haare waren und sind bis heute sehr licht.
Diese Erinnerung hat sich tief bei mir eingegraben.

Und jetzt möchte ich von einem zweiten für mich sehr einschneidenden Erlebnis berichten:

Ich gehöre zu der Generation ( Jahrgang 1938 ), die ohne Vater aufgewachsen ist, denn unsere Väter waren fast alle „an der Front“, wie man sagte.

Am  20. Dezember 1948  – gegen 5 Uhr morgens – sind meine Mutter und ich durch schwere, laute Schritte auf der Treppe aufgewacht, und dann stand ein wildfremder Mann mit „Franzosenkäppi“ plötzlich ohne Vorwarnung in der Tür . Aus Angst bin ich unter die Decke geschlüpft, während meine Mutter außer sich vor Freude war.

Sie hatte nach Kriegsende seit Jahren vergeblich auf eine Nachricht von ihm gewartet. Ich weiß noch, daß die Briefträgerin  spontan zum Essen eingeladen wurde, wenn sie während des Krieges mit einem Brief vom Vater kam. Doch ich kann mich auch erinnern, wie sich dann später stets Traurigkeit ausbreitete, nachdem die Briefträgerin immer nur den Kopf schüttelte.

Jedenfalls beäugte ich nun diesen „Fremdkörper“   in der Familie sehr vorsichtig, während meine fast 6 Jahre jüngere Schwester keinerlei Scheu zeigte und auf seinen Schoß kletterte. Sie war fortan auch das geliebte Nesthäkchen, denn Vater hat verständlicherweise mit ihr die bei uns versäumte Kindheit nachgeholt. Für mich waren körperliche Berührungen mit „diesem Mann“ undenkbar und blieben es auch,  während ich mich ab meiner Jugendzeit und im spä-teren Leben auf geistiger Ebene sehr gut mit ihm verstand, und er mir eigentlich in seiner gesamten Haltung stets ein Vorbild war.

Trotz der vielen Gespräche mit ihm hat er jedoch kaum über seine Kriegserlebnisse ge-sprochen. Er war Unteroffizier, hat am Rußlandfeldzug teilgenommen, war später in Frank-reich, hat zeitweise ein Motorrad mit Seitenwagen gefahren und nach dem Krieg als Gefangener auf einer „ferm“ bei Montpellier bis zu seiner Entlassung in 1948 gearbeitet.

Die frohe Kunde von der Rückkehr unseres Vaters so kurz vor Weihnachten mußte ich dann bei Freunden und Bekannten in Gonzenheim mit meiner Schwester auf dem Schlitten ver-breiten.

Im Realgymnasium für Mädchen in der Gymnasiumstraße wurde die Zeit des Zweiten Weltkrieges übrigens im Geschichtsunterricht in den ersten Jahren totgeschwiegen.  

Als ich meinen Mann in 1958 kennenlernte, und wir 1960 heirateten, wurde ich mit der Geschichte der Firma Dr. Steeg & Reuter in Kirdorf vertraut. Mein inzwischen verstorbener Mann war der Enkel des Mitinhabers Wilhelm Reuter. Meine Schwiegermutter wurde mit 36 Jahren Witwe.

Sie erzählte mir, daß ihr Mann  Otto  R e u t e r, Sohn des Wilhelm Reuter, in den letzten Kriegsmonaten noch von bestimmten Führungspersonen der Firma Dr. Steeg & Reuter für den Kriegseinsatz freigestellt wurde.  Das hatte für ihn fatale Folgen. Er wurde nach Ost-preußen beordert. Ein Album mit zahlreichen Fotografien mit dokumentarischem Wert u.a. von Königsberg, der Marienburg, der Rominter Heide, Tannenberg usw. hatte er noch angelegt.  Außerdem war er leidenschaftlicher Briefmarkensammler und hatte bereits eine beachtliche Sammlung zusammengestellt. Er war als Feinmechaniker bei Dr. Steeg & Reuter ausgebildet und beschäftigt. Sein Lehrzeugnis besitze ich noch.

In den letzten Kriegstagen fand er zusammen mit einigen anderen Soldaten auf dem Hofgut Weißenborn bei Friedewald Unterschlupf.  Am 31. März 1945 versuchte er wohl, zu seiner Einheit zu gelangen. Bei diesem Versuch wurde er noch von einem amerikanischen Tief-flieger tödlich getroffen. Seine Brieftasche und die darin enthaltenen Fotos hielt dieser tödlichen Salve nicht stand. Ich habe sie dem Heimatmuseum speziell für diese Ausstellung als Anschauungsmaterial zur Verfügung gestellt – ebenso persönliche Bilder von ihm mit seinem Sohn (mit meinem späteren Mann), seiner Frau sowie mit seinen Eltern  Wilhelm und Sophie Reuter auf dem (heute nicht mehr vorhandenen) Balkon ihres Hauses gegenüber der ehemaligen Firma Dr. Steeg & Reuter in der Kirdorfer Straße.

Der erschossene Vater meines Mannes wurde in Friedewald beigesetzt, wie aus dem Brief des dortigen Pfarrers mit der Todesmeldung an meine Schwiegermutter hervorgeht.

Meine Schwiegermutter hatte den Sarg ihres Mannes Otto Reuter durch Herrn Nordmann aus Kirdorf  nach Kriegsende unter einer Holzladung versteckt überführen lassen.

Er wurde dann auf dem Waldfriedhof in Bad Homburg v.d.H. im Familiengrab der Familie  Wilhelm Reuter beigesetzt. Dieses Grab existiert inzwischen auch nicht mehr.

Mein Mann und ich haben in den 1980er Jahren das Hofgut Weißenborn in Friedewald aufgesucht und Frau Hoßbach angetroffen, die den Vater meines Mannes geborgen hatte und uns erzählte, wie ihm die zuvor noch getrunkene Ziegenmilch aus dem Mund quoll.

Außerdem berichtete sie uns, daß sie aufgrund ihrer Kriegserlebnisse ganz intensiv auf ihre beiden Enkel eingewirkt habe, nie zur Bundeswehr zu gehen.

Für meinen Mann und mich war diese Begegnung sehr bewegend, zumal uns damit ganz persönlich vor Augen geführt wurde, welche einzelnen Tragödien sich in Familien während eines Krieges ereignen.  

Der erschossene Vater meines Mannes hatte einen Bruder Fritz, der in der „Legion Condor“ flog und dessen Bild sich auch in der Brieftasche befand. Dieser kam unversehrt aus dem Krieg zurück und hat danach wieder bei Dr. Steeg & Reuter gearbeitet. Er ist 2001 verstorben.

Die Firma Dr. Steeg & Reuter, bei der sehr viele Kirdorfer gearbeitet haben, hat sich seit Beginn der 1970er Jahre im Niedergang befunden und existiert nicht mehr. Der Großvater meines Mannes Wilhelm Reuter starb im Jahre 1956 und hat damit glücklicherweise das Ende „seiner Firma“ nicht mehr miterleben müssen.

Gisela Reuter, im Dezember 2020